Die Falle

Annika van Vugt, (2016), Öl auf Leinwand, 60 x 80 cm 

 

In der Malerei ist das Kerzenmotiv traditionell zumeist eingebettet in der Darstellung von Szenen mit Menschengruppen oder Tätigkeiten am Abend oder in der Nacht, Geburtsszenen, Arbeitende am Schreibtisch, Hausarbeit usw. Erst in der Moderne entwickelte sich die Kerze zu einem immer wiederkehrenden eigenständigen Motiv, so z.B. bei Beckmann, Picasso, Magritte oder gar Gerhard Richter. In erster Linie dient die gemalte Kerze also der Inszenierung von Hell und Dunkel. Aber sie hat immer auch eine hintergründige Bedeutung: sie ist Vanitas-Symbol und seit Freud gar Phallus-Symbol. Die Kerze und ihr scheinendes Licht stehen im christlichen Glauben für die Anwesenheit Gottes. Zusätzlich steht das Licht im Kontrast zur Dunkelheit und Finsternis. In der Bibel wird Licht auch oft als Zeichen der Hoffnung verwendet.

Gerhard Richter verschafft ihr mit seinem grandiosen keuschen Bild „Kerze“ (1982) den denkbar würdigsten Abschied: es ist ein hinreißend deliziöses Gemälde. Vanitas: ja – Vanitas: nein. Diese Kerze brennt ewig. Zeit und Ort sind überwunden, sie ist zeitlos und ortlos. Sie leuchtet nur noch, ohne etwas zu beleuchten. Sie ist zwecklos. Sie ist die Kerze an sich. Summa maxima. Die erotische Spekulation - falls überhaupt noch zugelassen – assoziiert einen schönen Jüngling, der seine Triebe wohltemperiert auslebt, cool & clean,  für immer jung.......... Fünf Jahre nach Gerhard Richter besiegelte der Videokünstler Nam June Paik mit seiner Installation „One Candle“ (1988) das Verschwinden der Kerze aus der bildenden Kunst - für immer?“ (Die Kerze in der Kunst. Eine virtuelle Ausstellung. (Die Kerze in der Kunst. Eine virtuelle Ausstellung)

Ganz offensichtlich nicht für immer. Bei Annika van Vugts „Die Falle“ (2016) kommen mehrere dieser Aspekte zum Tragen. In Öl auf Leinwand lässt sie den von rechts kommenden Luftzug erahnen, der die Flamme flackern lässt und zur Seite neigt. Wohl ein offenstehendes Fenster oder versucht gerade jemand, die Kerze auszublasen? Wird sie im nächsten Augenblick gar erlöschen? Erloschen jedenfalls ist bereits das irdische Dasein vierer Insekten, die im Kerzentalg (für die Ewigkeit?) konserviert sind. Der für uns gemütlich anmutende Kerzenschein wurde zur tödlichen Falle für die sonst mit großer Leichtigkeit im Sonnenlicht silbern schimmernden, umherflatternden Geschöpfe. In ihrer schimmernd durchsichtigen Leichtigkeit des Seins strebten sie dem Licht entgegen und opferten sich. Das Bild zieht die Blicke des Betrachters immer wieder magisch an und lässt den Gedanken freien Raum. Die altmeisterlich wirkenden Farben und der dunkle Hintergrund geben dem Bild fast etwas Surreales, Rätselhaftes. Zugleich strahlt es eine Ruhe aus, etwas Existenzielles, erfüllt es die Sehnsucht nach Wärme und Licht.